Japan

 

Traumjob: Skilehrer in Japan

IMG_1887

Ein Gastbeitrag von Katharina Anner

IMG_3049Klack, klack, klack… Es ist 6:40 Uhr und ich gehe eine wunderschöne Skitour. Ich höre mich selbst laut atmen, den Schnee unter den Skiern knirschen und die Landschaft vor mir färbt sich in ein wunderschönes Rot. Wie in den bayrischen Alpen. Aber dort ziehe ich nicht meine Spuren. Stattdessen ich gehe dem Sonnenaufgang entgegen im Land der aufgehenden Sonne – JAPAN.

Dort bin ich bereits zum zweiten Mal, um süßen japanischen Schulkindern das Skifahren beizubringen. Mein Skigebiet, Hachi Kogen, liegt in Japans größter Präfektur. Hyogo lieg etwa 150 km nordwestlich von Osaka im sogenannten „Nirgendwo“. Im Skiresort gibt es nur wenige Hotels, eine Pizzeria und einen kleinen Shop. Wer hier, wie in den Alpen, Schirm Bars, Flying Hirsch und Helene Fischer sucht, wird nicht fündig. Dafür kann man mit viel Kreativität eine eigene Apré-Ski-Bar bauen oder mit Stimmgewalt beim Karaoke richtig abfeiern.

Das Ziel meiner Tour liegt auf 1184 m. Ein wunderschöner klarer blauer Himmel umgibt mich. Da vergisst man ganz schnell die vielen kalten Schneestürme (jap. Fubuki) von denen es mehr als genug gibt, hier in Hachi Kogen.

Wenn ich erzähle, dass ich als Skilehrer nach Japan gehe, werden mir immer wieder dieselben Fragen gestellt.

 

  • Bild von Luboš Doležal
  • Bild von Luboš Doležal
  • Foto 5

Du gehst nach Japan, um Skifahren zu unterrichten? Gibt es dann da überhaupt Schnee?

Ja, es gibt hier sehr viel Schnee, vor allem auf der Nordinsel Hokkaido. Da kommen auch die Kürbisse her. Es ist sogar eines der größten Paradiese für Freeskier und Powderqueens. Aber dieses Jahr mussten wir, wie in Deutschland, sehr lang auf Schnee warten und sind die ersten Wochen auf Schneebändern und steinreichen Hängen hinuntergerutscht. Den Kids hat es trotzdem viel „tanoschi“ – Spaß gemacht. Denn viele wissen gar nicht, wie es mit viel Schnee wäre. Schneekanonen gibt es bei uns im Gebiet nur wenige. Auch die Lifte sind aus den Anfängen des Skifahrens und mein persönliches Highlight ist der Einersessellift. Natürlich ohne Sicherheitsgurt. Irgendwie passt das nicht so sehr in das hochtechnologische Japan, aber es hat alles seinen eigenen Charme.

 Und kannst du Japanisch? 

Hai, hai. Chotto nihongo hana se mas – Ja, ja. Ein bisschen Japanisch spreche ich. Aber der Skiunterricht lebt durch Beobachten und Ausprobieren. Meine Schüler sprechen außerdem soviel Englisch wie ich Japanisch und irgendwo in der Mitte treffen wir uns dann. „Konitschiwa. Oanamae wa Kati des. Wataschiwa Skiinstlulactor des.“

IMG_2414

Mit welcher Organisation bist du da überhaupt?

Hinter diesem wunderbaren Projekt steht keine große Organisation, sondern eine einzelne Person: Luggi Kilger und seine „Good-Will-Tour“. Er war selbst 1988 Teilnehmer eines Austauschprogrammes zwischen Japan und Deutschland. Die Idee des japanischen Skilehrerverbandes war es, 100 deutsche Skilehrer im Laufe des Jahres einzuladen, um ihren Lehrplan an deutsche Standards anzupassen. Er sagt selbst: Dabei gab es gewaltige Anlaufprobleme. Trotzdem, vielleicht auch deswegen, war ich von diesem Land, der Kultur, den Menschen und vielen weiteren Dingen unglaublich fasziniert. Meine enge Verbundenheit mit dem Mit-Initiator des Austausches und damaligen Skischulleiter Nambu und vor allem sein tragischer Tod `95, ließen die Fortsetzung unserer Ideen für mich zu einer Art Verpflichtung werden.“ Seit 28 Jahren gibt es die Good-Will-Tour jetzt, sie ist so alt wie ich selbst. Mein „big boss“ hütet diese ca. 30 Skilehrer-Flöhe, vermittelt zwischen den Kulturen, fordert auf beiden Seiten Geduld ein, entschuldigt sich für Missverständnisse auf japanischer Art und Weise mit einer tiefen Verbeugung, plant und bucht die Reise für alle Teilnehmer und ist die gute Seele des Projekts. Wir sind komplett integriert in eine japanische Skischule, mit japanischen Skilehrerkollegen. Ziel dieses Programms ist es, jungen deutschen Skilehrer/innen einen Aufenthalt in Japan zu ermöglichen. Natürlich sind auch junge Skilehrer/innen aus anderen europäischen Ländern willkommen, allerdings sollten sie neben Englisch auch Deutsch sprechen. Es ist kein kommerzielles Unternehmen, sondern soll möglichst kostenneutrale Bedingungen schaffen. Die Skischule übernimmt u.a. Flug-, Verpflegungs- und Unterkunftskosten für eine entsprechende Tätigkeit als Skilehrer in Japan. Der Teilnehmer muss allerdings eine Skilehrerlizenz und praktische Erfahrung als Skilehrer haben.

Mittlerweile haben im Laufe der Jahre über 1000 Skilehrer/innen an diesem Programm teilgenommen. Wir unterweisen alljährlich Tausende von japanischen Jugendlichen im alpinen Skilauf. Für viele dieser Jugendliche ist es der erste engere Kontakt mit englischsprachigen Ausländern. Die eingeschränkte verbale Kommunikations-möglichkeit trägt auf beiden Seiten zu unvergesslichen und lustigen Erlebnissen bei.

  • IMG_1839
  • IMG_6063
  • SONY DSC

 Wie läuft der Unterreicht ab? 

Den Schulen in Japan ist es sehr wichtig, dass alle Schüler „alles“ gleich machen. Somit ist mir schon passiert, dass ich eine Gruppe mit komplett unterschiedlichem Vorkenntnissen hatte. Die Gruppe an sich würde aber vielleicht nicht getrennt voneinander funktionieren. Es wird von den Kindern akzeptiert, dass es weniger gute Schüler gibt und somit auch der Skiunterricht für die Fortgeschritteneren langweilig sein kann. Viele machen es sich dann zur Aufgabe, die schwächeren Kameraden zu unterstützen. Erst letztens hatte ich diesen Fall, dass ich eine komplette Anfängerin in meiner „Expert Group“ hatte. Nach einem Tag wollte ich sie in eine andere Gruppe abgeben. MUUDII, MUUDII (jap. unmöglich). Am nächsten Tag war sie immer von drei Freundinnen umgeben, die ihr zur Hilfe kamen. Wie eine Art Begleitschutz sah es von unten aus. Durch die Förderung der Gruppe existiert, teilweise im Gegensatz zu Deutschland, eine sehr hohe Hilfsbereitschaft und ein unglaubliches Empathievermögen. Allerdings hat es in Japan ein Freigeist, ein Querdenker oder ein Vorausdenker schwer. Vor kurzem kam es in Tokyo zu Studentenproteste gegen den aktuellen Premierminister Shinzō Abe, seine Militärpolitik und die eventuellen Einführung eines Geheimnisparagraphen. Diese Proteste waren überhaupt nicht angesehen und viele Japaner hatten Angst, dass sie wie ehemalige Proteste eskalieren würden. Es ist außerdem nicht üblich, frei und offen seine Meinung zu sagen. Das betrifft sogar mich, obwohl ich keine Japanerin bin. Ein klares und deutliches NEIN wird man nie bekommen, sondern eher ein „maybe not“ und das heißt definitiv NEIN. Mir ist auch aufgefallen, dass viele Kinder Probleme haben eigenständig zu handeln. So ist es sehr ermüdend, wenn man bei jedem einzelnen Schüler die Kapuze über den Helm ziehen muss (bei Fubuki = jap. Schneesturm), weil niemand auf die Idee kommt es selbst zu probieren. Aber die Gesellschaft ist auch im Wandel, we will see.

Jetzt bin ich langsam am Gipfel angekommen und ein wunderbarer Sonnenaufgang über Hachi Kogen stimmt mich friedlich. Ein neuer Skitag liegt vor mir. Mit vielen Meetings, der Opening-Ceremony und acht Verbeugungen, dem gegenseitigem Versprechen, von den Schülern, Lehrern und uns, alles für den besten Skiunterricht zu tun. Dann folgt der Skiboots-Check bei jedem einzelnen Schülern, unendlich lange Warteschlangen an den Liften und der eigentliche Skiunterricht. Highlight ist für die Kids ein 3,5 km langer Highway (to hell): der Rinkan Course (jap. Waldweg). An dem sich zu Stoßzeiten tausende von Kindern in einer Reihe entlang schlängeln. Dann kurz noch ein ticke, tacke, ticke, tacke (zu deutsch zicke zacke)… hehehe. Und zack ist der Tag auch schon rum. Ich hab grad noch die 120 Gramm Reis pro Person und Tag vergessen. Entspannt wird danach im japanischen Ofuro. Ein Gemeinschaftsduschraum mit Sitzgelegenheit und einem sehr heißen Bad in der Mitte.

 

  • Bild von Luboš Doležal
  • IMG_2650
  • 376155_305314076174699_1144933492_n
  • Bild von Luboš Doležal

Ich bin sehr gerne Skilehrer und das schon seit ich 17 Jahre alt bin. Meine komplette Familie, inklusive dem 79-jährigen Opa, sind Skilehrer. Mir gefällt es Menschen Neues beizubringen, in der Natur zu sein und es eröffnet mir auch die Möglichkeit in andere Länder zu reisen. Im Sommer arbeite ich für verschiedenste Film- und Fernsehproduktionen, aber da freue ich mich schon immer sehr sobald der Herbst ins Land zieht. Ich freue mich dann auf glitzernde Schneelandschaften und als erster eine Linie in den Tiefschnee zu ziehen.

Ganz offen und ehrlich kann ich sagen, dass ich mich in die „Good-Will-Tour“ und Japan verliebt habe. Japan ist für mich das Land der schönen Töne. Letztes Jahr hatte ich zwei Wochen Zeit zum Reisen und bin vom Süden bis in den hohen Norden gereist. Das Land begeistert immer wieder mit Überraschungen. Im Moment hab ich leider nur noch eine Woche in Japan zum Entspannen und ich habe mich entschlossen, in einer Tempelanlage in Kyoto zu wohnen und meditieren. Wunderschön. Ich genieße jeden Moment.

Sayonara Kati

  • IMG_6276
  • IMG_6207
  • IMG_6238
  • IMG_6344

 

Alle Bilder von Katharina Anner und  Luboš Doležal.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s